"Dies ist ein Ort, hinter den man nicht zurückkann" - Wenige Tage vor Kriegsende ermordete die Gestapo mehr als 150 Zwangsarbeiter  ­  Eine Tafel am Nordufer des Maschsees erinnert jetzt an ihr Schicksal
Text: Simon Benne, Hannoversche Allgemeine vom 09.05.2008
Fotos: Volksbund

Es gibt nicht viel, was Redner bei solchen Anlässen sagen können. Dass man die Erinnerung an die Vergangenheit um der Zukunft willen wachhalten muss. Dass sich so etwas nie wiederholen darf. Dass das Leid der Opfer eine Verantwortung für die Lebenden mit sich bringt. Der rhetorische Rahmen ist eng gesteckt, wenn es um Krieg und Nazi-Herrschaft geht.

Doch als Nikolaj Schakurov ans Mikrofon tritt, ein alter Herr mit kerzengerader Haltung, herrscht Ruhe. Er hat die Autorität dessen, der nicht von Erlerntem, sondern von Erlebtem berichtet. Im “Vaterländischen Krieg2, wie er ihn nennt, hat der 82-Jährige gegen die Deutschen gekämpft, an seiner Brust hängt eine Tapferkeitsmedaille der Sowjetunion, neben zwei Dutzend anderen Orden. Jetzt ist er mit zwei weiteren russischen Überlebenden des Krieges aus dem sibirischen Salechard ans Nordufer des Maschsees gekommen, auf Einladung der Stadt. Auf dem Ehrenfriedhof, wo 386 NS-Zwangsarbeiter bestattet sind, wird heute, am Jahrestag des Kriegsendes eine Tafel aufgestellt, die an die Ermordeten erinnert. Schakurov findet schlichte, bewegende Worte: "Unsere Völker haben so viel Leid erlebt, ich hoffe, dass die jungen Leute so etwas nie wieder erleben müssen", sagt er. "Heute sind wir als Freunde hierhergekommen", fügt er hinzu, "wir müssen in Frieden miteinander leben", und man spürt, dass das für den alten Mann keine banale diplomatische Floskel ist, sondern eine Erkenntnis seines Lebens. "Ihr Jungen seid unsere Hoffnung", sagt er und sieht hinüber zu den Schülern der Heinrich-Heine-Schule, die an diesem Tag weiße Rosen auf den Gräbern niederlegen werden.

Ein großer Teil der Toten auf diesem Ehrenfriedhof stammt aus der Sowjetunion: Am 6. April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, trieb die Gestapo Kriegsgefangene auf dem Seelhorster Friedhof zusammen und tötete dort 154 Menschen. Einer der Zwangsarbeiter, Pjotr Palnikow, konnte fliehen. Vier Tage nach dem Gemetzel informierte er die Alliierten. Die US-Armee verpflichtete Hannoveraner, die Leichen zu exhumieren. Sie wurden in einem Trauerzug zum Maschsee gefahren und dort bestattet, die meisten konnten nie identifiziert werden. Die neue Gedenktafel ist das Ergebnis einer konzertierten Aktion: Stadt, IG Metall und VW Coaching GmbH haben sich gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dem deutsch-russischen Büro für Wirtschaftsbeziehungen Volga Int. für sie eingesetzt. Die Tafel erinnert anschaulich mit Texten und Bildern an die Ereignisse von 1945 ­ und offenbart zugleich das Problem dieser Gedenkstätte: "Dass es dieses Ehrenmal gibt, wissen längst nicht alle, die hier vorübergehen", sagt Oberbürgermeister Stephan Weil. Das idyllisch und etwas abseits im Grünen gelegene Denkmal lässt sich fast so schnell übersehen wie das 1988 errichtete "Mahnmal des unbekannten Deserteur" am Trammplatz, wo gestern Ratsherren der hannoverschen Linken eine Gedenkfeier veranstalteten.

Die neue Tafel soll nun helfen, das Ehrenmal stärker ins Bewusstsein zu rücken: "Wir hoffen, dass sie mehr Beachtung findet als der flache Gedenkstein, der Anfang der achtziger Jahre aufgestellt wurde", sagt Reinhard Schwitzer von der IG Metall. "Die Spuren des Krieges sind im Land oft nicht mehr sichtbar", meint auch Rolf Wernstedt, Landesvorsitzender des Volksbunds. "Gerade deshalb ist es wichtig, eine solche Stätte in der Stadt zu haben." Wenn die letzten Zeitzeugen gestorben seien, könnten Gräber viel unmittelbarer als Filme oder Bücher an den Krieg erinnern, sagt Wernstedt: "Dieser Friedhof ist ein Ort, hinter den man nicht zurückkann."



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