Wie geht es auf dem Großburgwedeler Friedhof nach der Zerstörung des Mahnmals weiter? Dass eine einfache Rekonstruktion des Mahnmals nicht infrage kommt, darüber herrscht unter Burgwedels Ratsfraktionen Einigkeit. Unbekannte hatten Ende November – nur zwei Wochen nach der Enthüllung – die beiden Glasscheiben mit den Namen von 142 Soldaten zerstört. Das soll sich nicht wiederholen. Diskutiert wird auch über die umstrittene Nennung von sechs Angehörigen der Waffen-SS. Seit dem Anschlag auf das Mahnmal hat sich der Verwaltungsausschuss mehrfach in vertraulichen Sitzungen mit dem brisanten Thema befasst und den Vorsitzenden des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Berater hinzugezogen.
„Großburgwedel ist in eine hochaktuelle Debatte hineingeraten, die allgemeinen Charakter hat“, sagt Wernstedt. Tausenden Gemeinden stehe sie ebenfalls bevor – spätestens dann, wenn Soldatengedenkstätten sanierungsbedürftig würden. „Das ist wie die Büchse der Pandora“, sagt Roland Behrmann, Landesgeschäftsführer des Volksbundes. Über fast jedem deutschen Soldatenfriedhof liege der direkte oder indirekte Schatten des Angriffskrieges und des Holocausts
.Einen Teil seiner Berateraufgabe für Burgwedel sieht Wernstedt darin, „die normale lokale Aggressivität“ in der Debatte über das Mahnmal abbauen zu helfen. Dabei hätten sich die Großburgwedeler einen Teil ihres Streits sparen können – so beim Gedenken an die 28 Säuglinge von polnischen Zwangsarbeiterinnen, die im Herbst und Winter 1944/45 in Großburgwedel umgekommen sind. Da sie auf dem Friedhof bestattet sind, bestehe nach dem Kriegsgräbergesetz die gesetzliche Verpflichtung, sie als Kriegsopfer auf einem Mahnmal oder in einem Totenbuch namentlich zu nennen.
65 Jahre nach Kriegsende seien hohe Anforderungen an eine präzise Dokumentation des geschichtlichen Kontextes zu stellen. Es sei sinnvoll, die Unterschiedlichkeit der Opfergruppen deutlich zu machen und nicht aufzuheben. Nach Auffassung des Volksbundes könnte dies – zumindest als Zwischenlösung – mit einem sogenannten Totenbuch am besten geleistet werden. Daran könnten Schüler ebenso mitarbeiten wie interessierte Bürger und Historiker.
„Das ist ein langer Prozess. Dabei brauchen wir gar kein rasches Ende.“Wernstedt ist zuversichtlich, dass so auch die jüdischen Gemeinden Niedersachsens mitwirken würden, sodass die Namen jüdischer Opfer aus Großburgwedel genannt werden könnten.
„Die nächsten Generationen sollen davon lernen können“, formuliert Behrmann Anspruch und Perspektive. Wernstedt verdeutlicht das am Beispiel der 28 Kinder der polnischen Zwangsarbeiterinnen: „Es darf nie wieder eine Krankenschwester oder einen Arzt geben, die zulassen, dass solch ein Säugling binnen sechs Wochen stirbt. Das ist die Lehre.“Dass Großburgwedel einen Konsens über die Form seines Gedenkens findet, sei außerordentlich wichtig. Wernstedt: „Der Diskussionsprozess ist wie das Mahnmal selbst. Voraussetzung ist allerdings der Wille zur Aufrichtigkeit, die den beteiligten Gruppen und Personen nicht automatisch unehrenhafte Motive unterstellt.“
Martin Lauber, Anzeiger für Burgdorf und Lehrte vom 25.01.2010